
Ausstellung quellen für Trockenland – Klimakrise und Schöpfungsbewahrung
August 26 - September 12
Wasser als unverzichtbare Quelle des Lebens, seine beängstigende Knappheit stellt heute in Zeiten der Klimakrise wie auch schon in biblischen Zeiten ein Problem dar, das entscheidend für das Überleben der Natur und damit des Menschen ist. So greift die Ausstellung am Symbol des Wassers die existenzielle Verantwortung für die Schöpfung als Lebensgrundlage unserer Kinder und Kindeskinder auf und sucht ausgehend von biblischen Wurzeln nach Visionen einer lebenswerten Welt für künftige Generationen.
Die Eröffnung fand im Rahmen eines Gottesdienstes statt mit Predigt der Künstlerin. S. unten und läuft noch bis zum 12.9.2025
PREDIGT Claudia Wührl vom 16.8.2025
Achsa und ihre Quellen – neue Wege für die Schöpfung
Was tut zeitgenössische abstrakte Kunst in dieser sehr schönen alten Kirche? Das, was Kunst immer getan hat und tun muss, möchten auch meine Bilder tun: Fragen und Herausforderungen unserer Zeit formulieren, sichtbar machen, Räume schaffen für kreatives Denken und für Entwicklung und Wandlung unserer selbst. Sie sind aus kostbaren Naturmaterialien gemalt, wie Erden, Pflanzenfarben oder Blattgold. Es sind Wirkbilder, die alle Ebenen menschlichen Erlebens körperlich, geistig und seelisch berühren, uns begleiten, mit uns im Dialog sind, immer wieder und immer neu – je nach unserer Lebenssituation.
Doch meine Bilder sind auch spirituell motiviert, sie greifen biblische Themen auf, transformieren sie in unsere heutige Zeit und deren Herausforderungen. Eine der wichtigsten dieser Herausforderungen ist die Rettung der Schöpfung, z.B., indem Land Wasser bekommt, um lebensfreundlich zu bleiben, wie die biblische Wassergeschichte in den Büchern Josua und Richter von Achsa und ihren Quellen erzählt. Die Theologieprofessorin Renate Jost verfolgt wie viele heutige TheologInnen den wissenschaftlichen Ansatz der Vielstimmigkeit bei der Interpretation biblischer Texte. Ihre Übersetzung der Achsa-Geschichte möchte ich hier etwas gekürzt zitieren:
Josua 15
(16) Und Kaleb sagte: Wer die Stadt Kirjath Sefer besiegt, dem will ich meine Tochter Achsa zur Frau geben.
(17) Und Othniel, der Sohn Kenas, des Bruders Kalebs eroberte die Stadt und Kaleb gab ihm seine Tochter Achsa zur Frau.
(18) Als sie einzog, überredete sie Othniel, ein Stück Land als Mitgift zu verlangen. Dann klatschte sie laut in die Hände von ihrem Esel herab und Kaleb fragte: Was willst du?
(19) Und sie sagte zu ihm: Gib mir ein Segensgeschenk, denn das Land, das du mir gegeben hast, ist nur Trockenland. Gib mir Quellen. Und er gab ihr die untere und die obere Quelle.
Achsa lebt wie wir heute wird in einer Zeit heftiger kriegerischer Auseinandersetzungen im Israel des Jhd v. Chr. Von ihrem Vater wird sie an Othniel verheiratet als Belohnung für dessen Eroberung einer kriegswichtigen Stadt. Achsa bekommt schließlich Land als Mitgift, das aber dem Familienclan nicht verloren geht, da der Bräutigam ihr Cousin der Braut ist. Ein üblicher Vorgang in patriarchal verfassten Gesellschaften, wie sie heute noch weltweit existieren und wirken -unterschwellig auch in unserer Gesellschaft. Töchter werden nicht gefragt und Othniel wagt nicht einmal, seinen Schwiegervater und herrschenden Patriarchen um das lebensnotwendige Wasser zu bitten, ohne das Achsas Mitgift nichts wert ist. Im Patriachat sind Väter absolute Autoritäten, die alle beherrschen, Frauen, Töchter und auch die Söhne, den Besitz, das Land, die Natur.
Jetzt aber wird die junge Frau Achsa aktiv: Sie durchbricht angesichts der Tatsache, dass sie und ihre künftige Familie in einem verwüsteten, wasserlosen Land leben sollen, mutig die Regeln des Patriarchats – trotz der drohenden Konsequenzen: Wir haben Jesus im heutigen Evangelium gehört: In lebensentscheidenden Fragen steht Mutter gegen Tochter und Vater gegen Sohn oder eben wie hier Tochter gegen Vater: Manchmal ist es damals wie heute notwendig, die Sicherheit und Bequemlichkeit familiärer und gesellschaftlicher Konventionen zu verlassen, um die Wahrheit zu benennen, für die eigene Zukunft und die des Planeten einzustehen. Wie Achsa sehen wir uns mit der von menschlicher Gier, Macht und Ausbeutung zerstörten Erde konfrontiert. Das Bild „Aufruhr der Erde“ symbolisiert unseren gequälten Planeten, der aufbegehrt und mit Trockenland, Tsunamis, Artenschwund reagiert: Statt Ausbeutung braucht unsere Erde Respekt, Verantwortung, Schutz und Fürsorge: Nur so kann sie lebensfreundlich bleiben.
„Das Wasser des Lebens“, Thema des zweiten Bildes ist also unabdingbar, ohne das Wasser für das Land, ohne das lebendige Wasser in den Seelen der Menschen ist Leben unmöglich.
Achsa weiß über diese Zusammenhänge zwischen Natur und menschlichem Handeln genau Bescheid. Heute hätte sie wahrscheinlich Klimatologie oder Umweltwissenschaften studiert, als Fachkraft für Nachhaltigkeit gearbeitet oder wäre Politikerin geworden. Sie sieht ihre Zukunft und die ihrer Kinder vom Leben abgeschnitten durch das eigennützige, gierige Handeln ihres Vaters, der ihr das Lebens-Wasser vorenthält. Es ist eine Frage der Gerechtigkeit, und das heißt auch: Generationengerechtigkeit, wie sie in dem Bild „Sonne der Gerechtigkeit“ thematisiert wird: Das Bild verweist auf die sich in kraftvollen Kreisen ausbreitende Sonne der Gerechtigkeit, die die tote Christenheit aus dem bequemen Schlaf der Sicherheit weckt, wie das bekannte Lied singt. Achsa weiß, dass sie die letzte Generation sein wird, wenn nicht bald etwas geschieht.
Sie erinnert uns an den Kampf der letzten Generation, der hier auch rund um die Klarakirche stattgefunden hat: den lauten und gerechten Protest gegen die Vernichtung des Lebens künftiger Generationen durch die Zerstörung unseres Planeten aus Egoismus und Gier.
Wie die KlimaaktivistInnen der letzten Generation macht Achsa sich zur Anwältin der Zukunft, der folgenden Generationen und deren Lebensrecht. Sie tritt entschieden patriarchalen Strukturen entgegen, riskiert verlacht, bestraft, ausgestoßen zu werden: Anstatt wegzusehen und unsichtbar zu bleiben, klatscht sie vor allen Leuten laut, ja aggressiv in die Hände, und schaut ihrem Vater, der ihr wertloses Land hinterlässt, in die Augen: Statt demütig zu bitten, fordert sie ihn klar und unüberhörbar auf, Wasser frei zu geben, damit es Zukunft gibt.
Sie durchbricht die Strukturen ihrer Gesellschaft und argumentiert als Frau öffentlich, politisch. Coram publico zwingt sie geschickt ihren Vater das Lebensnotwendige zuzugestehen, Ressourcen und Macht zu teilen. Damit wird sie anstatt der männlichen Machthaber und Kriegshelden zur eigentlichen Heldin der Geschichte:
Sie allein eröffnet mutig eine Perspektive auf eine sinnvolle Verteidigung der Schöpfung, auf einen neuen Himmel und eine neue Erde, wo Mensch und Natur auf respektvoller Augenhöhe leben. Wo weibliche Qualitäten wirken, die wir – egal welches Geschlecht – alle in uns tragen: Wachsen und Gedeihen lassen, geduldig hegen, hervorbringen, gebären, nähren, kommunikatives, kreatives Suchen nach alternativen Wegen, wie es das Bild des „Lebensbaumes“ symbolisiert.
Achsas Verhalten aber unterscheidet sich auch klar von dem der letzten Generation, denn Achsas Protest schädigt nicht Mitmenschen, riskiert alles und bleibt zentriert auf das eigentliche Thema: Wasser für alle. Durch die Fixierung auf reinen Protest gerät das gerechte Anliegen der letzten Generation ins Hintertreffen, es verblasst und nur die negativen Folgen des Protests bleiben im gesellschaftlichen und medialen Bewusstsein. So wird es den die kritisierten Autoritäten und Institutionen leicht gemacht, sich den gerechten Forderungen zu entziehen. So wird es allen Menschen leicht gemacht, nichts zu verändern, in patriarchalen und ungerechten Lebensverhältnissen zu verharren.
Protest ist wichtig, Achsas Protest hat Erfolg, auch die Klimaproteste heute haben schon vieles erreicht, wie etwa die Beschleunigung des CO2 Ausstiegs. Doch Achsa bleibt nicht beim Protest stehen. Sie kommt ins Tun. Sie wird nutzen und befestigen, was sie erstritten hat. Sie wird mit Frauen und Männern, die dem Leben dienen wollen, Land bewässern, Pflanzen, Tieren, Menschen eine lebendige Zukunft geben. Protest muss gewaltfrei ins Tun kommen, Fakten schaffen, wie die Bewegung Mahathma Gandhis es gezeigt hat: Über den den gewaltfreien Protest hinaus lebte sie ihre Überzeugung in einer Gemeinschaft, sichtbar für alle. Immer mehr junge Menschen tun eben dies, zeigen, dass neue Wege betreten werden können, forschen, studieren und arbeiten in Klima-Architektur und grüner Städteplanung und für soziale Gerechtigkeit. Sie und immer mehr Menschen der älteren Generationen haben innovative und kreative Ideen oder unterstützen sie und setzen sie in die Tat um: Eine solche Idee ist etwa das Projekt Floating Farm aus Rotterdam von Minke van Wingerden, die sagt: „Wir fragten uns, was unsere Kinder einmal dazu sagen würden, wenn wir nichts zur Rettung ihrer Lebenswelt getan hätten. Da beschlossen wir, die Floating Farm zu bauen“. Das fing winzig klein an und heute werden dort nach dem Prinzip der Greener City nachhaltig, klimafreundlich und tiergerecht mitten in der Großstadt Joghurt, Milch, Käse etc. produziert, die Abfälle in einen regionalen Kreislauf eingespeist. Dort entscheiden Kühe selbst, ob und wann sie gemolken werden wollen. Die Idee hat internationales Aufsehen erregt, und bereits weltweit viele NachahmerInnen und finanzielle UnterstützerInnen gefunden.
Widerstand und konkretes, positives Tun gehen Hand in Hand, wie die uralte Geschichte von Achsa und wie es das letzte Bild in der Reihe zeigen: Ein neuer Himmel und eine neue Erde, das Heraufziehen des „goldener Kontinents“ sind ist möglich.
Wie? Das Bild im Vordergund mit dem Titel „Caritas“ sagt: Durch die stärkste menschliche Gestaltungskraft, die Liebe, die Caritas.
Amen.
Claudia Wührl